«

»

Okt 17 2014

Streik der GdL – ein Arbeitskampf ?

Zum was weiß ich wievielten Male in diesem Jahre ruft die Gewerkschaft der Lokführer (GdL) zum Streik mit der Folge des Totalkollaps des Eisenbahnverkehrs in Deutschland auf. Sie gibt vor, für höhere Gehälter (5 %) und verkürzte Arbeitszeit (37 h statt 39 h je Woche) zu kämpfen. Desweiteren behauptet sie, die Mehrheit des fahrenden Personals zu vertreten und somit auch das Recht zu haben, die Zugbegleiter und das Bord-Service-Personal im Arbeitskampf zu vertreten. Schaut man sich die ganze Sache mal ein bischen genauer an, kommt man zu folgenden Schlüssen:

  • 5 % Gehaltserhöhung bei gleichzeitiger Verkürzung der Wochenarbeitszeit macht unter dem Strich 10,4 % Gehaltserhöhung effektiv. Denn 39:37 sind 1,054, d. h. die Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich allein würde 5,4 % Gehaltserhöhung erbringen. Und 10,4 % sind schon ziemlich nahe an der Unverschämtheitsgrenze, haben jedenfalls mit Inflationsausgleich nichts zu tun.
  • Die GdL vertritt ca. 80 % der Lokführer. Damit hat sie zu Recht das Mandat, die Lokführer zu vertreten. Die GdL macht jedoch die Milchmädchenrechnung auf, 51 % des fahrenden Personals zu vertreten, in dem sie die Zugbegleiter und das Bordservice-Personal dazu rechnet. Bei beiden Berufsgruppen vertritt sie logischerweise nicht mal annähernd die Hälfte, wenn die Qoute bei den Lokführern bei 80 % liegt. Somit ist ihr Anspruch, die Zugbegleiter und das Bordservice-Personal zu vertreten, eine Anmaßung der GdL.

Dieses Verhalten der GdL lässt mich zu dem Schluss kommen, dass nicht eine angemessene Tariferhöhung für ihre Klientel – die Lokführer – Ziel des Arbeitskampfes ist, sondern die Erlangung von mehr Machteinfluss im Arbeitnehmerlager der Deutschen Bahn AG. Das heißt: Der Streik richtet sich nicht in erster Linie gegen die Deutsche Bahn AG, sondern gegen die Konkurrenzgewerkschaft Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG), die die Mehrheit des Bahnpersonals vertritt. Somit ist es kein Arbeitskampf, sondern ein Machtkampf zwischen konkurrierenden Gewerkschaften. Und dieser Machtkampf wird jetzt an diesem Wochenende also wieder auf dem Rücken der Bevölkerung, auf dem Rücken der vielen Fahrgäste ausgetragen, wie z. B.

  • Familien, die die beginnenden Herbstferien für einen kleinen Urlaub nutzen wollten
  • Kinder, die in den beginnenden Ferien zu Ihren Verwandten fahren wollten,
  • Berufstätige, die, wie ich, an diesem Wochenende einen Tagesausflug machen wollten,
  • Berufstätige in Wochenendarbeit, die jetzt Probleme haben, Ihren Arbeitsplatz zu erreichen

Allerdings ist die GdL nicht allein verantwortlich für den völlig aus dem Ufer gelaufenen Arbeitskampf.

Mitverantwortlich dafür ist z. B. die Konkurrenzgewerkschaft EVG und ihr Vorgänger Transnet, die in der Vergangenheit mit der DB AG einen solchen Kuschelkurs, vor allem in den mit der Privatisierung und dem geplanten Börsengang der DB AG in Zusammenhang stehenden Themen gefahren hat, dass die DB AG dem damaligen Transnet-Chef N. H. 2008 den Seitenwechsel mit einem Posten im Bahnvorstand gedankt hat. Damit hat sich diese Gewerkschaft eigentlich jeglicher Legitimation, Arbeitnehmer im Arbeitskampf zu vertreten, selbst beraubt.

Mitverantwortlich ist natürlich auch die DB AG, die über Jahre eine Unternehmenspolitik des rücksichtslosen Kaputtsparens betrieb und nach wie vor betreibt. Wir staunten nicht schlecht, das in einem wirtschaftlich hochentwickeltem Land wie Deutschland mit einer angeblich so modernen Bahngesellschaft

  • die Berliner S-Bahn von 2009 bis 2013 am Rande des Abgrundes war und der S-Bahn-Verkehr zeitweilig wochenlang zusammengebrochen war
  • im Sommer 2013 der Bahnverkehr in und um Mainz für Wochen zusammengebrochen war
  • im Sommer 1998 ein solch schwerer Bahnbetriebsunfall wie der von Eschede passieren konnte.

Auch staunt man immer wieder, in welch marodem Zustand sich das Netz der DB AG in großen Teilen befindet.

Das alles sind Dinge, die das Management der DB AG seit Jahren – in trauter Zusammenarbeit mit dem jeweiligen Bundesverkehrsministerium (und damit wären wir beim vierten Verantwortlichen für das Chaos) – durch Mismanagemnent zu verantworten hat. Eine Bahn mit teuren Vorzeigeprojekten (mir kommt bei Stuttgart 21 die Galle hoch angesichts der verschwendeten Milliarden) und maroder Infrastruktur in der Breite (z. B. Streckenabschnitt Angermünde – Passow an der Strecke nach Stettin).

Und nicht zuletzt mitverantwortlich ist auch das Bundesverkehrsministerium, das die von den Ländern an die DB AG ausgezahlten Regionalisierungsmittel für den Regionalverkehr ebenso gleich wieder als Gewinn abschöpft, wie die tatsächlich von der DB AG erwirtschafteten Gewinne im Fernverkehr. Und es seit Jahrzehnten unterlässt, Wettbewerbsgleichheit im Konkurrenzkampf der Verkehrsträger herzustellen (Mineralölsteuer für Flugzeugsprit, Maut für Fernverkehrsbusse, um nur zwei Beispiele zu nennen). Und es im aktuellen Konflikt unterlässt, die beteiligten Verantwortlichen (also DB AG, GdL und EVG) endlich an einen Tisch zu rufen und zu vermitteln, obwohl nichts unwichtigeres auf dem Spiel steht, als die Funktionsfähigkeit eines der bedeutendsten Infrastruktursysteme unseres Landes.

 

Und nun ?

Die GdL streikt fröhlich weiter, GdL und EVG erteilen sich weiter schön verbale Seitenhiebe, die Mis-Manager der DB AG lachen sich eins ins Fäustchen und die Politik schnarcht weiter und ist untätig.

Und wir ? Bahnkunden, Bürger dieses Landes ? Bleiben dabei auf der Strecke, weil die Bahn von Versagern in allen Chefetagen beherrscht wird.

 

 

Permanentlink zu diesem Beitrag: http://blog.berndreichert.de/?p=9932

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Bitte tragen Sie den fehlenden Wert dieser einfachen mathematischen Gleichung als Zahl ein. Es schützt meinen Blog vor Massen-Spam-Kommentaren. Vielen Dank. Please inscribe the missing value of this simple mathematical aquation as a number. It will protect my blog against scores of Junk comments. Thank You very much. (null = 0, eins = 1, zwei = 2, drei = 3, vier = 4, fünf = 5, sechs = 6, sieben = 7; acht = 8, neun = 9) * Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.